Shop

Interview Semesterspiegel

Maike Rocker interviewte Robert Nippoldt für den Semesterspiegel
2007

„Prinzipiell ist alles interessant“

Robert Nippoldt, ehemaliger FH-Student in Münster, bringt nur drei Jahre nach dem Ende seines Studiums sein zweites Buch heraus.

Der Traum der allermeisten, die schreiben und zeichnen, ist es, einmal das eigene Buch in Händen zu halten. Robert Nippoldt ist da bereits schon weiter. Der 29-jährige, der an der FH Münster Grafikdesign und Illustration studierte, hat soeben sein bereits zweites Buch veröffentlicht. „Jazz im New York der wilden Zwanziger“ heißt das neue Werk, in dem Robert zeichnerisch und mit Texten von Hans-Jürgen Schaal 24 bedeutende Jazzgrößen der Zeit wie Louis Armstrong und Duke Ellington vorstellt.
Wenn er gerade nicht mit einem Projekt beschäftigt ist, geht er gerne joggen oder macht eigenwillige Musik mit seiner Band Kernspaltung. Maike Rocker hat ihn für den Semesterspiegel interviewt.



Robert, zwei Buchveröffentlichungen innerhalb von zwei Jahren, direkt im Anschluss an das Grafikdesign-Studium, das ist nicht alltäglich. Wie hast du das geschafft?
Angefangen hat alles mit dem Buch „Gangster. Die Bosse von Chicago“, das ich als Prototyp für meine Diplomarbeit entwickelt hatte und gerne veröffentlichen wollte. Weil ich überhaupt keine Ahnung vom Verlagsgeschäft hatte, habe ich zuerst in Buchläden in Münster nachgefragt. Ein Buchhändler hat mir dann empfohlen, wenn möglich mit Vito von Eichborn, dem Gründer des gleichnamigen Verlags, zu reden, weil der aufwändig illustrierte Bücher zu schätzen wisse. Von Eichborn zu treffen ist bloß unheimlich schwierig, weil er keine Termine mehr vergibt. Deshalb bin ich auf die Frankfurter Buchmesse gefahren und als erstes zum Europaverlag gegangen, den von Eichborn damals leitete. Die Empfangsdame fand das Buch schön, doch sie hat natürlich auch gesagt, dass ich keinen Termin bei ihrem Chef kriegen kann. Ich wollte dann aber trotzdem wissen, ob er überhaupt auf der Messe sei, und ob sie mir wenigstens zeigen könne, wie er aussieht. Und da hatte ich riesiges Glück, denn die Frau antwortete mir: „Da vorne aus der Tür kommt er gerade raus --- aber ich hab nix gesagt!“ Dann bin ich natürlich sofort hin, aber er unterhielt sich noch mit jemandem. Als er mich aufdringlich in seiner Nähe rumstehen sah, hat er dann irgendwann gefragt, ob er mir helfen könnte. Als ich sagte, dass ich ein Buch gemacht habe und ob er sich’s mal anschauen könnte, antwortete er: „Na gut, für eine Minute.“ Und dann hat er es durchgeblättert – ich musste gar nichts sagen – und schließlich meinte er: „Schönes Buch – nicht bei uns – Gerstenberg-Verlag!“ Und so war’s dann auch: Ich bin direkt zum Stand vom Gerstenberg-Verlag gegangen, und die haben mein Buch so ziemlich sofort angenommen. Bis es letztendlich erschienen ist, hat es aber dann noch mal ein Jahr gedauert.

Dein neues Buch „Jazz im New York der wilden Zwanziger“ ist ja im selben Verlag erschienen. Hat dir der Verlag von Anfang an weitere Zusammenarbeit in Aussicht gestellt?
Ja, genau. Zum Gangster-Buch gab es schon vor dem Erscheinen ein gutes Feedback von einigen Medien. Der Verlag war deshalb so euphorisch, dass er mich schon bevor das erste Buch rauskam gefragt hat, ob ich bei ihnen ein neues Buch machen würde. Mein favorisiertes Thema war „Huren und Mätressen“, doch der Verlag fand das Thema für einen Geschenkband nicht so geeignet. „Herr Nippoldt, wie sieht’s denn aus mit Jazz?“ haben die mich dann gefragt. Puh! Da habe ich erst mal recherchiert und mit vielen Leuten gesprochen. Als ich mich dann etwas eingearbeitet hatte und absehen konnte, dass es genug Material gibt, dachte ich dann, so ein Buch über Jazz geht ratz-fatz. Und habe zugesagt. Dass es nicht so ratz-fatz geht, sollte ich erst später feststellen.

Hattest du denn irgendeinen persönlichen Bezug zu Jazz-Musik?
Fast gar nicht. Ich besaß zu Beginn meiner Arbeit an dem Buch nicht mal eine Jazz-Platte. Mittlerweile habe ich aber ein paar. Und von den Musikern, die ich jetzt in meinem Buch vorstelle, kannte ich deutlich weniger als die Hälfte. Ich bin echt an das Thema rangegangen wie ein Journalist und musste es mir neu erschließen.

Wie sah es aus mit dem Konzept des Buches? Hat der Verlag dir das Konzept für das Buch vorgegeben?
Nein, das habe ich, mit Unterstützung durch den Verlag und auch durch andere Experten, selbst erarbeitet. Vorgabe war nur, dass das Buch über alten Jazz handeln soll, und es womöglich eine CD dazu geben könnte. Von Zeit zu Zeit habe ich dem Verlag natürlich immer wieder die Entwicklungsstufen vorlegt, um Feedback zu bekommen und das Konzept soweit absegnen zu lassen.

Wie hast du dann das Konzept entwickelt?
Der Verlag hat mir am Anfang eine Praktikantin zu Seite gestellt, die für mich recherchiert hat und mir die Bücher über Jazz schickte, die ich bei ihr bestellte; da konnte ich mich dann einlesen. Sehr hilfreich war, dass mir Norman Peplow, ein Jazzpianist aus Münster, die unterschiedlichen Jazzstile vorgespielt hat und mich auch mitnahm zu Jazzkonzerten – für mich war das total neu und auch fremd, ich kannte mich ja in der Szene gar nicht aus. Aber je mehr man sich mit Jazz befasst, desto schöner wird es, weil man mehr versteht und die Regeln durchschaut, nach denen die Musiker zusammenspielen. Nachdem ich dann einigermaßen drin war im Thema, bin ich dann zu den zwei deutschen Jazzinstituten nach Darmstadt und Regensburg gefahren und habe mir vor Ort ganz viele Bücher angeguckt und Fotovorlagen besorgt. Mehr und mehr verdichteten sich dann die Vorüberlegungen zu einem Konzept: Ich wollte Musiker vorstellen, die ich alle in Bezug zueinander setzen wollte, also ihre Biographien miteinander verzahnen; eine knackige thematische Einführung wollte ich haben, und die CD war mir auch wichtig. Zeitlich und auch örtlich habe ich mich einschränkt, damit das Projekt nicht zu ausufernd wird. Für die CD wünschte ich mir charakteristische Originalaufnahmen von den einzelnen Musikern aus den 1920ern und möglichst auch aus New York. Dabei hat mir das Jazzinstitut Regensburg sehr geholfen. Insgesamt drei Wochen haben sich Sylke Merbold und Richard Wiedamann Zeit genommen, mit mir über Jazz zu sprechen, und wir haben gemeinsam tagelang Lieder der Musiker gehört. Das war mit das schönste, dort zusammenzusitzen, Musik zu hören und zu entscheiden, welches Lied besonders typisch für den jeweiligen Musiker ist. Danach kam die Frage der Produktion: Wer hat die Rechte an dem Song, wer würde die CD herstellen können?

Du hast also nicht nur das inhaltliche Konzept des Buches entwickelt und die Zeichnungen gemacht, sondern auch die CD zusammengestellt. Gab es dabei keine Probleme?
Doch, natürlich. Das größte Problem war, dass die Kosten für die CD-Produktion dem Gerstenberg-Verlag letztlich zu hoch waren. Es fehlten 10.000 Euro. Aber ich hatte mich schon so in das Konzept verliebt, in das Zusammenspiel zwischen CD und Buch, dass ich mich nicht mehr von der Idee trennen wollte. Deshalb habe ich in der folgenden Zeit intensiv nach Sponsoren gesucht. Letztlich hat mir dann mein Steuerberater Klaus Thissen in Kleve einen Kontakt vermittelt: Sein Kollege Günter Heenen, ein Jazz-Fan, wollte mir Geld vorstrecken für eine limitierte Auflage von Siebdrucken von 15 Motiven aus dem Buch, deren Verkauf die CD refinanzieren sollte. Der Steuerberater war wirklich Feuer und Flamme für das Projekt und hat kräftig die Werbetrommel für mich gerührt. Das war super! Dann hat ein Kunstsammler zwei komplette Editionen gekauft und die AIDA-Flotte, für die ich letztes Jahr an Bord als Zeichner gearbeitet habe, hat von uns die Lizenz erworben, große Banner von den Musikern für ihre Schiffe zu drucken. Damit war die CD dann gesichert.

Wie war es mit den Texten? Bei deinem ersten Buch hast du den Text selbst geschrieben. Bei dem neuen Buch steht mit Hans-Jürgen Schaal ein renommierter Kenner des Jazz als Verfasser mit auf dem Cover. War diese Zusammenarbeit von Anfang an geplant?
Gar nicht. Am Anfang habe ich viel mit dem Verlag diskutiert. Letztlich haben wir uns dafür entschieden, dass ich einen Experten für die Texte suche. Hans-Jürgen Schaal, den ich letztlich engagieren konnte, hatte bereits schon einiges über die einzelnen Musiker des Buches publiziert und konnte so aus seinem Wissen schöpfen. Trotzdem hatte ich wirklich Schiss, ob die Texte so werden würden, wie mir das vorschwebte; mit ihnen stand oder fiel auch meine Arbeit. Zu dem Zeitpunkt seines Engagements standen die Titel der CD schon fest, genauso wie der Aufbau des Buches. Ich hatte auch ein Manuskript, wie ich mir den Text für die einzelnen Seiten sowohl bezüglich der Länge als auch inhaltlich vorgestellt hatte, und ich machte mir Gedanken, ob so ein bekannter und erfahrener Autor wie Schaal eventuell nicht so positiv auf harte Vorgaben reagiert. Aber er hat das eigentlich ganz gut aufgenommen. Und als dann die Texte kamen, war ich sehr erleichtert: Sie waren genau wie ich es mit vorgestellt hatte. Ich mag die Art sehr, wie Hans-Jürgen Schaal schreibt.

Insgesamt zeichnet sich das Buch genau wie schon dein erstes durch eine Fülle von graphischen Details aus, obwohl das ganze Buch nur sparsam in drei Braunstufen und schwarz und weiß koloriert ist, was insgesamt sehr atmosphärisch wirkt. Gab es einzelne Elemente, die dich besonders lange beschäftigt haben?
Am Cover habe ich wirklich ewig gearbeitet. Insgesamt habe ich bestimmt 40 Cover-Entwürfe gemacht, die ich dann immer wieder gegeneinander abgewogen habe. Ich wusste schon vom ersten Buch, wie superwichtig das Cover ist. Es sollte prägnant sein und am besten wie ein Kinoplakat wirken, es sollten Instrumente abgebildet sein, es sollte typisch sein für die Zeit, die Typographie und auch die Farben mussten zum Inhalt passen und so weiter. Dass ich da so detailversessen bin, liegt vielleicht auch daran, dass es da einen bestimmten Wettbewerb gibt, den ich unbedingt gewinnen will, nämlich den Wettbewerb der Stiftung Buchkunst. Der hat zwar keine Auswirkungen auf die Verkaufszahlen und bringt auch kein Geld, aber ich habe mal erlebt, dass ihn eine Studentin aus der FH gewonnen hat. Sie hatte auch wirklich ein superschönes Buch gemacht. Bei dem Preis wird auf die Gestaltung, vor allem auf die Typographie und die Verarbeitung, viel Wert gelegt. Deswegen habe ich mir unendlich den Kopf zerbrochen über diese Dinge. Nach einer passenden Schriftart zum Beispiel habe ich ewig gesucht. Mit dem Haustypographen des Gerstenberg-Verlags, Wilhelm Schäfer, habe ich schier unendlich viele Schriften ausprobiert. Ich wusste genau, wie die Schrift sein soll. Abgesehen davon, dass sie zum Inhalt passen musste, war wichtig, dass sie gut ausgebaut ist und eine schöne Kursive hat. Unsere Wahl fiel auf die Jenson. Der für den Fließtext verwendete Caption-Schnitt, der eigentlich für Fußnoten vorgesehen ist, ist etwas gröber, fast hölzern, in Details dann aber wieder sehr verspielt. Zu sehen ist dies zum Beispiel an den langen Anstrichen bei vereinzelten Versalien, die fast an Notenschlüssel erinnern. Solche Details fallen natürlich keinem auf, außer hoffentlich der Stiftung Buchkunst...

Aus dem allen hört man klar heraus, dass du sehr in deiner Arbeit aufgehst. Ist das Zeichnen denn auch ein Hobby, oder wirklich vor allem Beruf?
Beruf.

Kann man mit solchen Buchprojekten wie deinem reich werden?
Hoffen tut man immer, aber realistisch gesehen ist es fast unmöglich. Bei diesem Projekt habe ich ja die CD selbst mitfinanziert; und vom Verlag für das Buch einen Vorschuss von knapp 5000 Euro bekommen, das ist natürlich für fast zwei Jahre Arbeit sehr wenig. Es gibt zwar noch eine Umsatzbeteiligung pro verkauftem Buch, aber diese wird zuerst mit den 5000 Euro verrechnet; das heißt erst ab einer recht hohen Verkaufszahl bekomme ich wieder Geld. Aber der Verlag hat ja auch ganz schön viel Geld reinstecken müssen. Für den wird das Buch auch erst profitabel, wenn die gesamte Erstauflage von 4000 Stück verkauft ist.

Jazz hat ja viel mit Hingabe und Leidenschaft und Emotionen zu tun, die man womöglich besser versteht, wenn man selbst Musik macht. Fandest du für dein neues Buch wichtig, dass du selbst in einer Band spielst?
Dass ich selbst einen Hang zur Musik habe, ist, glaube ich, schon ein Vorteil gewesen. Schon seit ich zehn bin habe ich regelmäßig Mixtapes zusammengestellt, die wir dann beim Zirkeltraining im Sportverein hörten. Ich war immer höllisch gespannt darauf, wie die anderen, vor allem die älteren, sie finden würden. Bis heute nehme ich für meine Freunde gelegentlich Compilations auf. Somit war es für mich besonders schön, jetzt hier für das Buch quasi offiziell eine CD zusammenstellen zu können. Prinzipiell glaube ich aber, dass alles irgendwie interessant ist, egal was, sobald man sich intensiver mit diesem Thema beschäftigt. Von daher glaube ich, dass ich über so ziemlich alles ein Buch machen wollen würde – ob ich es dann auch könnte ist natürlich noch eine andere Frage. Dafür würde ich gerne in Zukunft nicht so viel in Eigenregie machen wie für dieses Buch, sondern würde gerne schon früher mit Experten zusammenarbeiten.

Du hast ja hier in Münster Grafikdesign studiert. Würdest du sagen, dass dein Studium dich geeicht hat auf das, was du jetzt machst? War dir schon früh klar, dass du Bücher illustrieren willst?
Nein, das war überhaupt nicht klar. Als ich damals mit Grafikdesign angefangen habe, war ich ja noch nicht mal sicher, ob es das richtige für mich ist. Auch dass ich dann Illustration machen würde war nicht klar. Ich habe zwar schon immer gern gezeichnet, aber der Zeichenlehrer, der gut fand was ich machte, wurde in meinem dritten Semester pensioniert. Und der, zu dem ich dann ging, fand meine Zeichnungen gar nicht soll toll und hat mich dann doch stark verunsichert, und deshalb hab ich mich dann erst mal mit Graphikdesign und Typografie beschäftigt. Selbst Produktdesign war für mich lange eine Option.

Würdest du deine Laufbahn empfehlen?
Ja. Ich finde es sehr befriedigend. Es ist eine sehr schöne Arbeit, sich inhaltlich so tief mit einem Thema auseinandersetzen zu können. Ich würde sagen, für dieses Buch habe ich fast jeden, der in Deutschland was mit Jazz zu tun hat, im Laufe des Projekts mal angerufen. Ganz viele Leute sind also indirekt in das Projekt involviert und fiebern zum Teil auch ein bisschen mit, und das ist superschön. Ich habe natürlich auch viel Glück gehabt, dass das alles so geklappt hat.

Was wärst du denn geworden, wenn du nicht Zeichner geworden wärst?
Ich wollte ja erst Krankengymnast werden, oder Profisportler. Ganz früher sogar mal Dinosaurierforscher. Ich habe mich sogar tatsächlich an einer Münsteraner Krankengymnastikschule beworben, doch ich war so wunderbar vorbereitet, dass ich noch nicht mal wusste, dass man an der Schule für die Ausbildung bezahlen muss. Damit war das dort für mich schon erledigt. Um auf die Frage zurückzukommen: Ich glaube, dass ich viele Dinge interessant gefunden hätte. Lehrer hätte ich mir zum Beispiel auch vorstellen können. Es war nach dem Abi schwierig für mich, mich zu entscheiden. Als ich bei der Berufsberatung war, hat man mir empfohlen, Tankwart zu werden, weil ich angegeben hatte, dass ich gern mit Leuten zu tun hätte und in einem abwechslungsreichen Beruf arbeiten wollen würde. Und dann kam da Tankwart raus!

Das Buch ist nun veröffentlicht, und gerade endet deine Buchpräsentationstour durch Deutschland. Arbeitest du schon an neuen Projekten?
Ich fahr jetzt erst mal für einige Zeit nach Neuseeland, deshalb hab ich mich noch nicht festgelegt. Erst mal will ich etwas abwarten, denn ich habe in der letzten Zeit für das Buch schon auf einige Dinge verzichtet, auf Partys und auf Sport, und ich habe Freunde kaum mehr angerufen; deshalb mach ich jetzt erst mal eine kleine Pause.